Der Ural-Kosaken-Chor kommt nach Annaberg!

Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 35 — Sonntag, den 26. August 1928, S. 3.

Eine der größten Sensationen auf dem Gebiete des Männergesanges erlebt das obere Erzgebirge am Mittwoch, den 29. August, an dem abends der weltbekannte Ural-Kosaken-Chor unter persönlicher Leitung seines Dirigenten Andrei Scholoch einen russischen Liederabend veranstalten wird, den zu hören, nicht gleich wieder Gelegenheit wird sein, und der sich zu einem Ereignis für alle Sangesfreunde im weiteren Umkreis der Pöhlbergstadt auswirken wird. Vielleicht hat so mancher schon auf dem Grammophon das prächtige Tenorsolo eines Basil Bolotin des russischen Volksliedes „Der rote Sarafan” gehört, wohl auch das überwältigende Melodram „Abendglocken” oder das „Lied der Wolgaschlepper” aus dem „Wolgaschiffer”. Bei wem wäre da nicht der Wunsch rege geworden, diese packenden Volkssänger einmal aus nächster Nähe zu hören? Nun, der Zufall wollte es, daß Annaberg dieser Kunstgenuß geboten wird. Der Ural-Kosaken-Chor, der sich nach seiner kürzlich erfolgten Rückkehr aus Südamerika auf einer Gastspiel-Tournee durch Deutschland befindet und dabei Sachsen und Thüringen berührt, hat die Pöhlbergstadt in seinen Reiseplan aufgenommen, weil die Festhalle ihm geeignet schien, die vorgesehenen künstlerischen Gesangsdarbietungen einem größeren Publikum zu vermitteln. Im rechten Kunstgesang lernt man nicht nur den Charakter, sondern auch die Seele eines Volkes kennen. Über Landesgrenzen und nationale Schranken hinweg reichen sich im Kunstgesang die Völker die Hand und fühlen in diesem Augenblick, daß sie alle im Geiste Kinder eines Vaters sind. Jeder wird und mu bei diesem Kunstgenuß auf dem Standpunkt stehen, daß einzig und allein die Leistungen ausschlaggebend sein sollen, ungeachtet, von welcher Seite sie kommen; denn wirkliche Kunst ist international. Nach den vorausgegangenen Pressestimmen größerer und maßgebenderer Zeitungen zu urteilen, wird die hohe gesangliche Disziplin des Chores bewundernswürdig sein. Das Rauschen der Wolgafluten wird z. B. mit einer so reinen Natürlichkeit gesummt, daß die Zuhörer wie in einen Bann geraten, hier braust es auf wie Orgelklang, wie das Schwingen von Harfenakkorden, wie vielstimmiger Glockenton. Aus diesen Akkorden, einem Meer von Harmonie, heben sich dann plötzlich die einzelnen Solostimmen, weich und wohlklingend die Tenöre, geschmeidig und männlich der Bariton, mächtig und volltönend der Bässe Allgewalt, überwältigend und durchdringend die Kontrabässe. Die Gesang-Vereine werden es sich daher besonders angelegen sein lassen, durch den Besuch des Konzertes ihr Können zu vertiefen. Jeder einzelne der 20 Russen ist ein Künstler, jeder einzelne der 20 Künstler ist ein echter Russe. Das will sagen, daß Kunst und Eigenart in vollster Vollendung Ausdruck finden; dem Zuhörer, der die Worte aus dem Ural nicht versteht, wird der schwermütige Klang der Lieder alles sagen. Der Chor singt im Nationalkostüm des Urals, mit Tscherkessenkittel, Lammfellmütze usw. Ein Textbuch in deutscher Sprache ermöglicht es dem Zuhörer, den russischen Liedern in ihrer Ursprache zu folgen.

Uralkosakenchor

„Die Uralkosaken singen!” Schon heute ist es überall zum Schlagwort und Tagesgespräch geworden, und jeder tut daher gut, sich den 29. August auf alle Fälle vorzumerken. Man notiere daher auf dem Kalender am 29. August: „Festhalle Annaberg, Uralkosakenchor!”