Aus Annabergs Vergangenheit (8)

Von N. N.

(Schluß.)

Wir nähern uns dem Ende der Aufzeichnungen. Ich werde meine Aufsatzreihe schließen mit der Schilderung des Jahres 1818, das der Chronist als ein „segensreiches“ bezeichnet. Es war den Annabergern wirklich von Herzen zu gönnen, daß nach den vielen Jahren der Trübsal und Not endlich wieder einmal eine Zeit folgte, in der sie aufatmen und sich erholen konnten von der Last und Sorge der „sieben mageren Jahre“.

„– Obgleich in dem ersten Dritten desselben (d. h. des Jahres 1818) Stürme ohne Gleichen — und frühzeitig schon schwere Ungewitter obgewaltet hatten und Schlossen mitunter von besonderen Figuren gefallen waren, es auch hier noch den 29. May schneyete, so erfolgte doch im Ganzen genommen eine so fruchtbare Witterung, daß man zur Aerntezeit nicht nur hier in der frohesten Gemüthsstimmung Gott für Witterung und Aernte lobpreisete, sondern es wurden auch in öffentlichen Blättern die erfreulichsten Nachrichten von fröhlichen Schnittern und jubelnden Winzern verbreitet. — Bey diesen göttlichen Seegnungen fangen nun auch die seit mehreren Jahren tiefgebeugten und bekümmerten Herzen wieder an aufzuleben.

In den Handel und in die Gewerbe kehrt neues Leben zurück. Mögte — immer Handel und Gewerbe blühen! Wenn dies der Fall seyn wird, so kann auch Jedes bey dem Brodpreis von 3 Gr. und da auch besonders Linsen in Quantitäten das Maaß für 5 1/2 Pfg. gekauft worden sind, seinen Hunger stillen und die Lebensbedürfnisse decken. Ja, Jedes hat in den letzten Monaten dieses glücklichen und geseegneten Jahres sich und den Seinigen auch — ausländische Früchte gönnen und wieder bessere Säfte statt der seit mehreren Jahren vertrockneten und verdorbenen erzeugen können; (denn) — Oesterreich (hat) einen Obst-Vorrath, besonders an Aepfeln gewonnen, daß das Viertel der schönsten Borsdörfer nicht mehr als 16 Gr. und andere Arten nicht mehr als 13 und 14 Gr. das Viertel kosteten.“

Der Chronist erwähnt dann noch die Feier des 50jährigen Regierungsjubiläums des Königs Friedrich August mit dem Beinamen der Gerechte und Weise am 20. September 1818. Wie schnell sich Annaberg wieder erholt hatte, zeigt seine Bemerkung, „daß dies Fest mit solchem Prunk und Pomp und Erleuchtungen der Stadt gefeyert worden, deren sich Annens bisheriger Bestand vorher nicht erfreuen konnte.“

Trotzdem war Annaberg nicht sorgenfrei. Unser Vorfahre spricht von „anderweitigen Sorgen, Lasten und Abgaben, mit denen besonders auch unsere Einwohnerschaft noch lange zu kämpfen haben wird“, hofft jedoch, daß auch diese „nächst göttlicher Hülfe überstanden werden“.

Schlicht und treuherzig, fromm und einfältig sind diese Aufzeichnungen von unserem Vorfahr geschrieben worden, wie wir moderne Menschen es vielleicht garnicht mehr können. Es weht aus ihnen der Geist unserer Väter, und leise steigt vielleicht bei diesem oder jenem meiner Leser der Wunsch auf: „Wenn mich, wenn uns alle auch dieser Geist beseelen möchte! Wie würde dann so manches anders sein!“ Und so rührend schlicht und einfältig fromm klingen diese Aufzeichnungen auch aus:

„Er aber der Herr aller Herren und König aller Könige:

Laß immer seine Lieb und Güt
Uns stets zur Seite gehn;
Was aber ängstet und bemüht,
Laß er fern von uns stehn.

Er drücke, wenn das Herz einst bricht,
Uns unsre Augen zu,
Und zeig uns drauf sein Angesicht
Dort in der ew’gen Ruh.“

Wir wären am Ende. Ich danke meinen lieben Lesern, daß sie mir bei der langen Wanderung durch fünfundzwanzig Jahre Annaberger Geschichte getreulich gefolgt sind. Froh und heiter fing die Geschichte an, trübe und traurig, nur selten aufgehellt, war ihr Verlauf, und wieder hell und zukunftsfroh endete sie. Wie ein Schauspiel war’s oder auch nicht; denn es war kein Spiel, sondern Wirklichkeit. In bunten Bildern eilten die Ereignisse an meinen Lesern vorüber, Personen tauchten blitzschnell auf aus dem Strom der Zeit, um dann wieder ebenso schnell zu versinken. Aber diese Geschehnisse und Menschen sind meinen Lesern nicht fremd, können ihnen nicht gleichgültig sein. Es sind die Geschehnisse ihrer Heimat und die Menschen sind ihre Vorfahren, deren Blut noch immer in ihren Adern kreist, auch ihr Blut ist. Ihr saht Eure Väter lachen und weinen, Feste feiern und Leid, fast zu viel Leid tragen. Aber Ihr saht auch ihre Kraft und ihren Mut, auszuhalten trotz der übermenschlichen schweren Last und sich durchzuringen durch Nacht zum Licht. Sie führten, wie man so sagt, ein „tüchtig Leben“. Unsere Pflicht ist, ihnen nachzueifern.

Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 32 – Sonntag, den 15. August 1926, S. 3