Winter im Erzgebirge - Erzgebirgische Heimatblätter

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Winter im Erzgebirge

1927 > Februar 1927 > Nr. 7/1927

Deutsche Sehnsucht in die Weite rastet nimmer. Früher glaubte man, ihr nur im Frühling, Sommer und Herbst Erfüllung geben zu können. Im Winter aber ging man nicht aus seinen vier Pfählen heraus. Diese Ansicht hat sich gewaltig gewandelt im Lauf der letzten Jahre, und zu unserem Glück. Wir brauchen die Weite nicht draußen nur in der unbekannten Welt, die uns Wunder und Geheimnisse erschließen soll, zu sehen, sondern sollten sie zunächst einmal in unserer Heimat selbst suchen. Gerade im Winter, wenn weiße Sterne lautlos taumeln und der Wald verhüllt ist in Eis und Schnee, dann treibt es nicht bloß unsere Jugend hinaus mit Rodelschlitten, Schnee- und Schlittschuhen, sondern alles, was noch nicht ganz zum Stubenhocker geworden ist, folgt diesem Zug der Zeit, wenn das Wochenende uns einen freien, frohen Tag gibt. Wandern und Schauen, wir lernen es allmählich immer mehr draußen, auch in der kristallklaren Winterluft, die die Augen glänzend und die Wangen rot macht.

Kursteilnehmer auf dem Prinzenweg

Kursusteilnehmer auf dem Prinzenwege (Fichtelberg).

Besonders in unserem Erzgebirge sind die Sehnsucht nach dem Winter und das Wandern und Sporttreiben in ihm seit langen Jahrzehnten beheimatet. Als klassische Stätte des Wintersportes ist unser Gebirge in Deutschland und darüber hinaus bekannt, und auch die Presse kündet seinen glänzenden Ruf weithin in die ganze Welt. So finden wir im "Hamburger Fremdenblatt" dieser Tage folgende begeisterte Schilderung des winterlichen und sporttreibenden Erzgebirges:

Gewaltig, wie eine schützende Mauer zieht sich zwischen Sachsen und der Tschechoslowakei das Erzgebirge hin. Das vom Fichtelberge bis zur Senke zwischen Nollendorf und Tyssa reichende Bergmassiv steigt von Sachsen her langsam in Terrassen und Wellen bis zu einer Höhe von 1200 Metern an, viele landschaftlich schöne Täler, die Auswaschungen der Bäche und Flüßchen, gliedern die Nordseite in reizvoller, abwechslungsreicher Weise. Nach der tschechischen Seite fällt das Gebirge steil ab, kurze, tiefe Täler und Schluchten zerreißen die Bergwelt und geben so, im Gegensatz zur weicheren sächsischen Seite, Bilder wilderen und schrofferen Charakters. Diese Bergwelt bildet, begünstigt durch die zahlreichen schön gelegenen Dörfer, Höfe und Hotels, selbst bis in die höchsten Regionen hinauf, ein ideales Wintersportgebiet. Der Wintersportler, der sich in erster Linie zur Erholung die flinken Bretter unterschnallt, um inmitten des Erzgebirgswinters dem lungen- und nervenstärkenden Skisport obzuliegen, findet hier die für ihn passende Umgebung. Die Landschaft des Erzgebirges wird in erster Linie durch ihre riesigen Wälder bestimmt. Sundenlang streift der Skianderer durch den winterlichen Tann, kein Laut ringsum, nur die Bäume stöhnen und ächzen unter der weißen Last, die alles bedeckt. Blößen und Täler mit verschneiten, weltverlorenen Dörfern wechseln miteinander ab, aber immer ist es der Wald, der dichte, schwarze Tann des Erzgebirges, der allem seine Note aufdrückt. Keine schwindelerregenden Gefälle, keine abgrundtiefen Täler reizen hier zu gewagten sportlichen Exkursionen, nein, weich und wellig der Weg, den der Ski knirschend durcheilt.

Zum Keilberg

Auf dem Wege zum Keilberg.

Dieser verhältnismäßig ruhige und beruhigende Landschaftscharakter hat dem Wintersport hier im Erzgebirge keinen Einhalt getan, im Gegenteil, zwischen den unverkennbar sächsischen Lauten der Besucher aus Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen und Zwickau hört man mehr und mehr Laute, die auch auf regen Besuch aus anderen Winkeln unseres Vaterlandes schließen lassen.

Von Dresden, Chemnitz und Freiberg her windet sich die Eisenbahn durch die engen, waldreichen Täler bis zu den hochgelegenen Ortschaften; sie führt auch zu Deutschlands höchster Ortschaft mit Deutschlands höchsten Bahnhof, zum Winterkurort Oberwiesenthal.

Der Keilberg und der Fichtelberg sind die höchsten Erhebungen des Erzgebirgskammes, bis zu 1244, resp. 1213 m steigen sie an und beherrschen so im Bunde mit dem 1018 m hohen Auersberg, dem 1111 m hohen Spitzberg und vielen anderen, das hohe Erzgebirge. Den Fichtelberg, den höchsten Berg innerhalb der grünweißen Grenzpfähle (der benachbarte Keilberg ist tschechisch) krönt ein zweckmäßig eingerichtetes und bequemes Unterkunftshaus. Herrlich ist der Ausblick von hier aus in die sächsischen und tschechischen Lande. Sanft und wellig steigt von Norden her die weiße Märchenlandschaft an, kulissenartig schiebt sich eine sanft gerundete bewaldete Bergkuppe vor die andere. Nach Süden zu ist die Landschaft wilder, schroff, und unvermittelt geht es in schroffen und steilen Hängen, nur noch überragt vom Keilberg, fast bis zum Egertal hinab.

Der Fichtelberg und seine Umgebung bildet das Hauptwintersportgebiet des Erzgebirges, hier liegt auch Oberwiesenthal, das sächsische St. Moritz. Rege ist hier der Sportbetrieb, seine Höhenlage beträgt 918 Meter, die des benachbarten Fichtelberges ist um 300 Meter höher. Dieser Höhenunterschied begünstigt eine rege und ergiebige Sporttätigkeit, sei es auf Skie, Bob oder Rodel; hier herrscht im Winter auch reges gesellschaftliches Leben. Mustergültige Sporteinrichtungen, so eine 1250 Meter lange Schwebebahn, die den Wintersportler in kaum zehn Minuten zum Fichtelberghaus befördert, von wo er dann auf ausgezeichneter Rodelbahn zu Tal sausen kann, auch Sprungschanzen in beliebiger Höhe und viele andere Anlagen zeigen, daß der rührige, aufstrebende Winterkurort für seine Besucher alles mögliche tut.

Neben dem führenden Oberwiesenthal verdienen aber auch die anderen Sportplätze des Erzgebirges Erwähnung. So sind Annaberg, Johanngeorgenstadt, Eibenstock, Scheibenberg, Pöhlberg, Carlsfeld, Rittersgrün, alle im westlichen Teile des Gebirges gelegen, Winterkurorte, die Wintersport mannigfacher Art, allerdings in bescheideneren Grenzen, ermöglichen; auch hier gibt es gute Rodelbahnen, Eisbahnen und oft auch Sprungschanzen.

Im östlichen Teile ist Geising-Altenberg beliebt und besucht, die Bob- und Rodelbahnen sind gut im Stande und von achtbarer Länge; die reizende Gegend ladet zu lohnenden Skifahrten ein. Hier seien auch die Kurorte Bärenburg und Kipsdorf erwähnt; auch ist Gelegenheit zu reger Sportbetätigung und zu schönen Skifahrten im schönen Tann des Gebirges.

Der Wintersport des Erzgebirges wird durch die anerkannt beständige und gute Schneelage begünstigt, die Kammwege und die wellige, sanfte Landschaft sagt besonders dem Skiläufer zu; er wird in jedem Falle auf seine Kosten kommen und sicherlich noch lange an herrliche Fahrten im hohen Erzgebirge zurückdenken.


Nr. 7 - Sonntag, den 13. Februar 1927
Druck und Verlag von Friedrich Seidel, Buchholz i. Sa., Karlsbader Straße 21 - Fernruf 242 und 249


INHALT:

  • Winter im Erzgebirge

  • Wie Georg Einenkel in Buchholz einwanderte

  • Nooch'n Feierohmd


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Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 7 - Sonntag, den 13. Februar 1927, S. 1

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