Die Weihnachtsspiele im Obererzgebirge - Erzgebirgische Heimatblätter

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Die Weihnachtsspiele im Obererzgebirge

1926 > Dezember 1926 > Nr. 51/1926

Weihnachtsspiele gab es noch in den beiden ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts im Erzgebirge und in dessen Nähe allenthalben, vorzüglich aber waren sie da heimisch, wo Bergbau getrieben wird, und Bergleute waren auch meist die Darsteller. Es gab zwei verschiedene Arten von Christspielen, die Engelschar und die Königschar. Eigentlich hießen so die Gesellschaften, welche sich gebildet hatten, um die Geburt Christi darzustellen, aber man bezeichnete die Spiele selbst auch mit diesem Namen. Die Engelschar bildeten zwei Engel in weißen Kleidern, mit Flügeln und hohen goldpapiernen Kronen; dann der heilige Christ selbst, der hier seltsamer Weise in Mannesgestalt auftritt, während die Geschichte von seiner Geburt aufgeführt wird, der Bischof Martin und der heilige Nikolaus, statt dessen an andern Orten Petrus auftrat, welche ebenfalls in langen, weißen Gewändern gingen und Kronen trugen, während Christus das Zepter, Martin eine Rute, Nikolaus einen grünen Zweig, Petrus einen großen, gelben Schlüssel in der Hand hielt; ferner Josef, Maria, der Wirt, zwei Hirten und der Knecht Ruprecht. Diese zogen von Haus zu Haus. Der heilige Christ fragte nach dem Fleiß und der Folgsamkeit der Kinder, Martin mußte sie im Katechismus prüfen und Gebete aufsagen lassen, Ruprecht schreckte die Ungehorsamen durch seine Drohungen, der heilige Christ aber beschenkte die Artigen; dann wurden die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten auf dem Felde und die Anbetung der Hirten im Stalle dargestellt und an passenden Stellen Weihnachtslieder gesungen, zuletzt verabschiedente sich Christus und die ganze Schar mit einer Ermahnung an die Kinder.

Diese Art der Weihnachtsspiele ist wahrscheinlich die älteste. Als unsere Vorfahren noch Heiden waren, so glaubten sie, daß in den zwölf Nächten nach dem heidnischen Feste der Wintersonnenwende die Götter sichtbar auf erden herumzögen, und viele der noch heute üblichen Weihnachtsbräuche deuten auch auf diesen Glauben hin; selbst die zu Weihnachten und zum neuen Jahr in manchen Gegenden vorgeschriebenen Speisen sollen ursprünglich Opfermahlzeiten gewesen sein. Es ist leicht möglich, daß in dieser Zeit die heidnischen Priester als Götter verkleidet umherzogen, um das Volk oder wenigstens die Kinder in Ehrfurcht vor den Göttern zu erhalten. Als aber die Deutschen Christen wurden, behielt man die alte Sitte bei, nur traten an die Stelle der alten Götter Christus, Maria und andere heilige Personen; nur der Ruprecht, dessen Name "der Ruhmesprächtige" bedeutet und der eigentlich der Gott Thor der alten Deutschen gewesen sein soll, der Gott des Donners, blieb noch bei der Schar, aber nicht als Gott, sondern als schreckende Knechtsgestalt, wie wir ja wissen, daß die Geistlichen, da sie die Furcht vor den alten Göttern nicht ausrotten konnten, sie wenigstens als böse oder finstere Mächte darstellten. Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß die Engelschar, wie die Leute sich ausdrücken, "das Recht zu gehen", d. h. herumzuziehen, vom ersten Advent bis zum Neujahr oder Hohenneujahr hatte; vom Hohenneujahr bis zur Lichtmeß hielt dann die Königschar ihre Umzüge. Diese bestand aus zwei Engeln, Josef, Maria, dem Wirt, zwei oder drei Hirten, den drei Weisen oder Königen aus dem Morgenlande, Herodes, seinem Diener und einem Schriftgelehrten und führte die ganze Geschichte von der Geburt Christi bis zum Kindermord in Bethlehem auf, und zwar in der Regel nicht von Haus zu Haus ziehend, sondern in einem größeren Zimmer oder Saal, wo die Zuschauer sich vorher versammelt hatten. An einihen Orten kennt man die Engelschar gar nicht, man nennt dann die Spieler auch nicht die Königschar, sondern die Heiligenchristspieler.

Das Obererzgebirge war früher der eigentliche Mittelpunkt der Weihnachtsspiele. In Annaberg gab es selbst eine Gesellschaft, meist aber kamen die Gesellschaften der umliegenden Ortschaften, die in der Stadt ihre Christspiele aufführten. In der Umgegend von Annaberg gibt es fast keinen Ort, der nicht früher seine Engel- oder Königschar oder beide zugleich hatte. Noch in den 50er Jahren bestand eine Königschar in Frohnau. 1838 wurde dieselbe das letzte Mal in Wiesa aufgeführt. In Hermannsdorf hat die Engelschar am Anfange dieses Jahrhunderts ihr letztes Weihnachtsspiel aufgeführt. 1850 spielte man in Königswalde das letzte Mal. In Raschau gab es noch 1850 das Dreikönigsspiel; ebenso in Grünhain und Crottendorf. In Geyer spielte die Engelschar etwa 1810 zum letzten Male. In Grumbach spielte man noch 1836-1840. In den 40er Jahren bestand die Bärensteiner Engelschar noch. Eine spätere Aufführung der Engelschar geschah 1857 in Mildenau. - In neuester Zeit sind mehrfach Weihnachtsspiele veröffentlich und mit Erfolg aufgeführt worden.

Nach Mosen.


Nr. 51 - Sonntag, den 19. Dezember 1926
Druck u. Verlag von Friedrich Seidel. Buchholz i. Sa., Karlsbader Str. 21 - Fernruf 242 u. 249


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