Erzgebirgische Volkssagen. - Erzgebirgische Heimatblätter

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Erzgebirgische Volkssagen.

1927 > Oktober 1927 > Nr. 41/1927

Vom Untergang der Burg am Greifenstein.

In einer Höhlung des Berges - so erzählt die Sage - wohnte in alten Zeiten ein großer, mächtiger Greif, der in dem Schatzensteine bei Elterlein seine Schätze verborgen hatte.

Von ihm trägt der Berg seinen Namen.

In der Burg, die hier gestanden hat, wohnte ein Ritter Odo von Greifenstein. Als er in jungen Jahren nach Böhmen an den Hof des Königs geritten war, sah er dort ein Edelfräulein, namens Ardeliska. Es gefiel ihm so gut, daß er das Mädchen von ihrem Vater zum Weibe begehrte. Weil dieser jedoch Odos Vater feind war, wies er dem Freier die Tür und drohte, seine Tochter zu verfluchen, wenn sie nicht von dem Geliebten lassen wolle. Aber in einer dunklen, stürmischen Gewitternacht erstieg Odo von Greifenstein die Burg des Feindes und entführte Ardeliska. Glücklich gelangten die Liebenden nach tagelangen, ermüdenden Ritten auf die Burg Odos am Greifenstein.

Hier lebten sie unangefochten, und des Vaters Fluch, der die ungehorsame Tochter und ihren Gemahl getroffen hatte, schien wirkungslos abzuprallen an ihrem Glücke, das durch die Geburt eines Söhnchens, das sie Werner nannten, aufs höchste stieg.

Auf der Jagd fand Ritter Odo einst ein kleines Mädchen und brachte es seiner Frau. Ardeliska erzog den kleinen Findling, den sie Emma nannten, wie eine eigene Tochter mit ihrem Sohne Werner zusammen. So ward das Mädchen die Gespielin und treue Freundin Jung Werners, und mit den zunehmenden Jahren gewannen die beiden sich so lieb, daß sie ohne einander nicht leben wollten. Weil aber die Eltern die Liebe Werners zu dem Mädchen, dessen Herkunft ihnen so unbekannt war, mißbilligten und zu unterdrücken suchten, kamen die Beiden im Verborgenen desto öfter zusammen, und werner nahm zuletzt Emma heimlich zum Weibe.

Da bat der Ritter Bruno von Scharfenstein bei Odo von Greifenstein um Beistand in einer Fehde gegen den wilden Raubritter Relko von Rauenstein, welcher vor langen Jahren die Gemahlin Brunos geraubt hatte. Diese Gelegenheit benutzte Odo, um seinen Sohn Werner und Emma zu trennen. Als Werner im Auftrage des Vaters mit den Knappen die Burg verlassen hatte, um dem Scharfensteiner zu Hilfe zu eilen, wurde Emma von ihren erzürnten Pflegeeltern in das tiefste Burgverließ geworfen. Auf fauligem Stroh in dem modrigen, schauerlichen Gefängnisse an Gott und den Menschen verzweifelnd, wurde das arme junge Weib wahnsinnig und zerschmetterte ihr kaum geborenes Kindlein und sich selbst an den harten Felswänden des Kerkers.

Wenige Tage darnach kehrte Werner als Sieger aus der Fehde zurück. Er selber hatte Relko von Rauenstein niedergerannt, und der sterbende Feind hatte ihm ein Geheimnis anvertraut, das Werner als der schönste Siegeslohn däuchte.

Die vordem von Relko geraubte Gemahlin Brunos von Scharfenstein war kurze Zeit nach ihrer Entführung eines Töchterleins genesen, das nach dem Tode der Mutter von einem Köhler im Schellenberger Walde erzogen und später in der Nähe des Greifensteins ausgesetzt wurde, wo es von Ritter Odo aufgefunden worden war. So war also Emma, sein Weib, die rechtmäßige Tochter seines Waffengefährten Bruno von Scharfenstein.

Voll Freude eilte Werner zu ihm und erzählte ihm alles, verschwieg ihm auch nicht, daß er sich mit Emma bereits heimlich vermählt habe.

Von den Segenswünschen Brunos von Scharfenstein begleitet, zog Werner fröhlich an der Spitze seiner Schar der väterlichen Burg zu.

Schon im Hofe erfuhr er, was unterdes hier geschehen war. Voll Schmerz und Zorn trat er vor seinen Vater und sprach: "Es gibt einen Gott im Himmel. Sein ist die Rache. Möge sie dich treffen!" Dann stürzte er sich von dem Felsen in die Tiefe. Da erbebte die Erde, Flammen brachen aus dem Boden, und die Burg zerbarst in Trümmer. Ardeliska und Odo samt ihren Helfern wurden in Felsen verwandelt.

Noch heute irrt Emmas Geist, das zerschmetterte Kind auf den Armen, um den Greifenstein und ruft den Liebenden, die die Einsamkeit des Waldes suchen, ihr warnendes Wehe zu.

Nach einer anderen Ueberlieferung ergriff Odo schon nach dem Tode Emmas bittere Reue über seine Härte. Er veranstaltete ein feierliches Begräbnis; Werner aber kam gerade zum Begräbnis seines Weibes in die väterliche Burg zurück.

Werner wurde wahnsinnig und starb später in einem Kloster in Prag, während Odo und Ardeliska, sowie Bruno von Scharfenstein bald nach Emmas Begräbnis der Gram zu Tode brachte.

Nach Odos Tode gab der Herzog Wratislaw von Böhmen die Greifenburg einem Ritter Wolf von Schreckenberg. Dieser trieb mit den Rittern von Tannenberg und Ulrich von Schatzenstein Wegelagerei, Plünderung und Brandschatzung so arg, daß der Herzog seinem Eidam, Wieprecht von Groitsch, diesen Unfug einhalt zu tun gebot, und dieser zerstörte die drei Burgen der in die Acht erklärten adligen Räuber.


Nr. 41 - Sonntag, den 23. Oktober 1927
Druck und Verlag von Friedrich Seidel, Buchholz i. Sa., Karlsbader Straße 21 - Fernruf 242 und 249


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