Aus der Fremde - Erzgebirgische Heimatblätter

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Aus der Fremde

1927 > Juli 1927 > Nr. 29/1927

Von Baurat Voigt, Dresden.

(Aus dem Wettbewerb des Erzgebirgs-Verkehr, Gemeindeverband zur Hebung des Fremdenverkehrs im Erzgebirge.
)

Wißt Ihr, wo Oberschlema liegt? Oben im Erzgebirge hat es sich einst an einen Wildbach gelehnt und schlief dort, bis der Schrei der leidenden Menschheit es weckte. Nun hat es seine Arme geöffnet. Alljährlich flüchten sich Tausende hinein an Stöcken und Krücken und kehren mit federndem Gange zurück. Radium heißt das Zauberwort und entspringt als wundertätige Quelle dem Herzen der freundlichen Bergstadt.

Mein Arzt hat mich dieses Jahr hingeschickt. Die Erinnerung an die Sümpfe von Flandern spukte bei jedem Unwetter in meinen Füßen. Ich traf es gut. Sonne und heitere Gesellschaft, und immer jemand zum Wandern bereit. Der Wald ist überall nahe und eine Menge Ortschaften winken mit Sehenswertem aus alter und neuer Zeit.

In der Umgebung hat wohl die Stadt Schneeberg die bedeutendste Geschichte. Der Rausch des Ueberflusses liegt längst hinter ihr. Jetzt träumt sie still auf einsamem Hügel unter den Fittichen einer hochtürmigen Kirche. Die Häuser am Markte zeigen ein vornehmes Gesicht und ihr heraldischer Schmuck deutet auf alte Geschlechter. An der Mauer der Pfarre wuchert der Epheu und unaufhörlich rieselt darunter das sandige Bächlein der Verwitterung.

In Hartenstein steht auf dem Markte der fromme Dichter Paul Fleming. Vor Jahrhunderten ist er hier geboren. Seine Lust am Reisen lebt noch heute in den Söhnen des Landes, aber sein Lied "Ein getreues Herze wissen" kennt wohl kaum ein Lebender mehr. Eine Burg behütet das Muldental. Uralte Buchen umschatten ihren Söller und manche Sage spinnt sich hinunter nach Stein, einem zierlichen Ritterschlosse.

Die Schieferbrüche der Nachbarstadt Lößnitz hat der Wettbewerb stillgelegt. In ihren Wänden ist eine Freilichtbühne aufgetan und heimische Laienspieler mimen darauf mit gewaltigen Gesten.

Durch den Vorzug der Lage an der Gabel von Mulde und Schwarzwasser hat die Stadt Aue die Führung der Gegend genommen. Ein Wald von Schornsteinen ragt aus dem enggebauten Tal und darüber flattert der Rauch in graugebänderten Fahnen.

Die Kur in Oberschlema strengt an. Es ist gut, sich anschließend in höherer Gebirgslage auszuruhen. Ich wählte Johanngeorgenstadt. Mein Gepäck gab ich auf und machte mich mit Rucksack dankbaren Herzens und gesunden Füßen auf den Weg. Am Floßgraben entlang ging es nach Aue. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts hat ihn ein Kurfürst zur Holzfahrt bauen lassen. Damals streckte sich weithin undurchdringlicher Wald und nur die Kirche hatte behutsam ihren Fuß in seine Wildnis gestellt. Auf das Berggeschrei hin kam allerlei fremdes Volk herzu und bald war der felsige Grund nach jeder Richtung durchwühlt. Silber, Kupfer, Zinn, Eisen, Wismut und Kobalt wurden an den Tag gehoben und überall blähten sich die Städte im Bewußtsein des Wohlstandes. Längst ist die Flößerei erloschen und die Blüte des Bergbaues verwelkt. Ein Mühlrad schluckt jetzt die Welle des Grabens und nur auf einigen Schächten singt noch die Förderglocke ihr eintönig-schwermütiges Lied.

Eine neue Zeit brach an. Um Schraubstock, Drehbank, Stanze und Presse wimmelt es nun vielhundertfüßig und fertigt alles, was nur der Hausfrauen Sinn erdenkt. Metalle, Holz, Wolle, Flachs erhalten hier Form, Farbe und Glanz und wandern hinaus in alle Welt und die Silbertaler, die einst hinunter rollten, flattern nun als bunte Scheine wieder zurück.

Durch einen Laubengang alter Bäume bin ich in Schwarzenberg eingezogen und bummelte bei anbrechender Nacht durch die Gassen. Ein neues Rathaus steht anmaßend im Kranze demütiger Bürgerhäuser und ein Atem von Ordnung und Pflicht weht über das Pflaster dahin. In der Kirche probte der Chor. Der Wohllaut der Stimmen schwebte hinauf zu dem Häftling im Turm des benachbarten Schlosses und erweckte hoch oben der Venus blauschimmerndes Licht.

Neben einem mächtigen Kachelofen habe ich mein Nachtmahl gehalten. Die Glasaugen zweier Hirschköpfe glotzten auf meinen Teller und die Schnurren der Stammgäste summten zu mir herüber. Der Hammerschmied lebt hier noch in Sage und Lied und sein rauher Ton umgeisterte die Runde. Durch den Tabaksnebel sah ich immerzu einen handfesten doppelzeiligen Wandspruch. Als ich am nächsten Morgen verspäütet erwachte, fühlte ich mich wie Kurfürst Friedrich von der Pfalz in dem bekannten Studentenliede, und im Fremdenbuche, das mir am abend ins Zimmer gelegt worden war, las ich zu meinem Erstaunen:

"Bier und Wein sind nicht getauft,
Weil hier der Gastwirt selbst mit sauft!"


Da ich die Schrift recht gut kannte, verabschiedete ich mich etwas kleinlaut.

Am Weichbild der Stadt habe ich mich umgewandt. Da stieg das Schloß aus dem Tale empor wie ein trutziges Lied. Jäh stürzte der Fels an den Wänden herab und die Fenster sprühten ein herrisches Licht. Oben ging nun der Tag seinen gewohnten Gang und der trunkfeste Rat stand würdeschwer über das Pult gebeugt.

Das Tal herauf blies ein frischer Wind und machte meine Schritte länger. Vorbei ging es an Holzmühle und Eisenhammer. Ortschaften blieben zurück, aber ergeben hielten sich mir zur Seite der Wald und des Schwarzwassers ermunterndes Tosen.

Nun atme ich schon eine Reihe von Tagen hier oben die köstlichste Luft. Reif liegt am Morgen auf den Wiesen, aber tagsüber begnadigt mich das himmlische Licht. Ich lagere an einer Halde und meine Träume schaukeln sich auf den Wogen der blaugrünen Ferne.

Das Schnaufen der weidenden Schecken schläfert mich ein und ich treibe dahin wie auf einem klaren tiefen See.

Die Stadt ist arm. Von den Einwohnern verdient der größere Teil mit Handschuhmachen und Möbelbau sein Brot. Der kleinere führt einen ewigen Kampf mit dem Fels und seiner mageren Krudte. Die Lehnen sind steinig und oft macht ein zeitiger Winter die Plage des Jahres zuschanden. Aber stark wie der Glaube ihrer Väter, die um deswillen verfolgt hier eine Wohnstätte fanden, glüht in den einfachen Leuten die Liebe zur Heimat. Sie spiegelt sich wieder in ehrwürdigen Bräuchen, in Gesängen und Sprüchen und in dem rührenden Putze der Häuschen.

Jeden Tag besuchte ich meinen Freund, den Kohlenbrenner. Er hat sich eine Hütte aus Fichtenschwarten gezimmert und muß mir alte Geschichten erzählen. die Wünschelrute und der Gottseibeiuns spielen darin eine große Rolle und immer wird ein Schatz gefunden und wieder verloren. Ich erfasse schon längst ohne Mühe die Melodie seiner Mundart und sehe unter seinem Schnitzmesser einen Obersteiger entstehen, den er mir zugedacht hat.

Dreimal bin ich über 1000 Meter hinauf zum Auersberg gestiegen und habe von seinem Turme herab Umschau gehalten über das sächsische Land. Ueber die Wipfel hinweg sah ich an blitzenden Schnuren aufgereiht Dörfer und Städte und in dem Schweigen der Ebene zuckte der Pulsschlag der Kraft.

Wenn der Abend kommt, wandere ich mit dem Forstwart zum Kranichsee. Er weiß dort einen guten Zehner gehen und setzt mich auf die Kanzel am Hochmoor. Am Wegrande drüben leuchtet der Purpur der Ebereschen und ich hebe mit Herzklopfen das Glas, wenn ein Birkhuhn aus den Moosbeeren poltert. Ehe der Nebel mich völlig umhüllt, holt mich ein leiser Pfiff die Leiter herab. Wir tasten uns aus dem Knieholz zurück und das glühende Auge des Turmes weist uns den Weg in die Stadt. Auf dem Markte plätschert der Brunnen und der Gründer der Stadt hält dabei steinerne Wacht. An der Mauer des Torweges zu meinem Gasthause lese ich wie ein frommes Gebet die gedenkenden Worte:

Johanngeorgenstadt, 18. August 1785.

An

Frau von Stein.


    Endlich hier, sechs Stunden von Karlsbad, wieder auf dem Wege zu Dir, meine Geliebte, meine Freundin, einzige Sicherheit meines Lebens. Was ist alles Andere, was jedes andere menschliche Geschöpf! Je mehr ich ihrer kennen lerne, je mehr seh' ich, daß mir in der Welt nichts mehr zu suchen übrig bleibt, daß ich in Dir alles gefunden habe. Morgen geh' ich nach Schneeberg, sehe mich unter der Erde um, wie ich auch hier getan habe. Dann will ich eilig nach Hause. Wenn ich Dich träüfe, welche Freude!   Goethe.


Heute früh hat jemand ein Bündel Krammetsvögel geschickt. Ich soll sie bei einer guten Flasche in aller Stille beisetzen. Das wird nun mein Abschied sein. Mariele, der ich zuweilen Plätzchen zusteckte, hat mir ein spinnewebfeines Spitzentuch geklöppelt. Ihr Stimmchen flattert zu meinem Fenster herauf. Als ich vorhin durch das Gastzimmer ging, lag auf meinem Teller ein Kranz frischer Heide. Ich habe mich auf meinen Koffer gesetzt und höre, wie unten der Wirt denj Tisch in die Sonne rückt. Vor mir steht im Glanze des frischen Lackes der Obersteiger und salutiert mit zwei schneeweißen Kerzen. Leise öffnen sich die Türen meines Herzens und alle schlüpfen sie hinein: der Kohlenbrenner, der Ziegenhirt, der Wald, die Wolken, der Bergmannsgruß und das Zwitschern der spielenden Kinder.


Nr. 29 - Sonntag, den 24. Juli 1927
Druck und Verlag von Friedrich Seidel, Buchholz i. Sa., Karlsbader Straße 21 - Fernruf 242 und 249


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