Elterlein älteste Einwohnerin - Erzgebirgische Heimatblätter

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Elterlein älteste Einwohnerin

1927 > März 1927 > Nr. 11/1927

Das menschliche Leben, das schon in früheren Jahren oft vielen Leiden in der Familie, wie Krankheiten, Teuerungen, Hungernnöten und mancherlei schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt war, ist doch trotzalledem bei manchem mit einem hohen Alter gekrönt worden. Diese Fällev sind heute leider schon eine Seltenheit und als eine besondere Gnade von Gott zu bezeichnen, wenn das 80. oder gar das 90. Lebensjahr überschritten sind.

In unserer Stadt Elterlein hat gegenwärtig Frau Antonie Amalie gesch. Graupner geb. Siegel die Ehre, als älteste, im 90. Jahre stehende Einwohnerin genannt zu werden. Sie erblickte am 11. Dezember 1837 in Elterlein, Grünhainer Str. Nr. 161, das Licht der Welt und ist eine Tochter des Waldarbeiters Carl Gottlob Siegel, der damals Besitzer dieses Hauses war. Ihr Geburtshaus bewohnt sie heute noch in einem Alter von 89 Jahren zusammen mit ihrem Schwiegersohne, Herrn Moritz Süß, 70 Jahre alt, und dessen Ehefrau Minna Süß geb. Graupner, 66 Jahre alt. Also in einem Hause 3 Personen mit zus. 225 Jahren ist würdig, erwähnt zu werden.

Geburtshaus der Frau Graupner

Das Geburtshaus der Frau Graupner,
welches über 100 Jahre alt ist. Vor dem Hause sind Moritz Süß aus Hammerunterwiesenthal und seine Frau zu sehen. Die Jubilarin steht in der Stube am Fenster.

Frau Graupner war verheiratet mit dem Handarbeiter Karl Hermann Graupner. Derselbe ist etwa 1843 in Elterlein geboren und hatte 6 Jahre bei den Garde-Reitern in Pirna gedient. Er nahm auch an den Feldzügen von 1866 und 1870/71 teil, von welchen er glücklich und gesund wieder nach seiner Heimatstadt Elterlein zurückgekehrt ist. Vor 56 Jahren, also nach 4jähriger Ehe, ließ er sich von seiner Frau scheiden, ließ also somit seine Frau mit 4 minderjährigen Kindern allein u. ging 1 Jahr darauf nach Amerika. Zwar war er nachdem wieder einige Male besuchsweise hier, doch ist seitdem bis heute von ihm nichts wieder gehört worden. Durch viel Mühe und Arbeit hat sich die Frau müssen mit ihren 4 Kindern, von welchen 2 Töchter im Alter von 14 und 16 Jahren gestorben sind, allein forthelfen. Sie hat sich nur durch Spitzenklöppeln den nötigen Lebensunterhalt verdient und ist heute, ihrem hohen Alter entsprechend, noch körperlich und geistig rüstig. Außer ihren beiden Töchtern Frau Minna Süß, hier, 66 Jahre alt, und Frau Selma Koteck in Oberwürschnitz bei Stollberg, 57 Jahre alt, zählt die Jubilarin heute noch 2 Enkel und 1 Urenkelin. Möge es frau Graupner vergönnt sein, dieses Jahr im Kreise ihrer Lieben den 90. Geburtstag bei noch geistiger Frische fröhlich feiern zu können.

Barbara-Uttmann-Brunnen, Elterlein

Barbara Uttmann wurde in Elterlein erzogen.
Zu ihrem Denkmal auf dem Elterleiner Markte, welches unser Bild zeigt, blickt auch die Jubilarin dankbar auf, deren wir heute in unserem Heimatblatt gedenken, und die am Klöppelsach sich ihren Lebensunterhalt erwarb.

Da diese Uhrahne ein gutes Gedächtnis hat, vermag sie noch folgendes, aus ihrem Erlebnis zu erzählen:

"Ostern 1843 kam ich mit etwa 50 Mädchen und Jungen in die hiesige Volksschule, d. i. das frühere Kreher-Haus (jetzt Buchdruckerei von Gustav Meyer). Diese Schule besuchten wir 8 Jahre lang und wurden in dieser Zeit von 3 Lehrern (Rektor, Kantor und 1 Lehrer namens Just) unterrichtet. Damals wurde in meiner Heimatstadt vorwiegend Landwirtschaft betrieben. Auch die Nagelschmiederei und die Spitzenklöppelei waren hier zuhause. Noch viel weiß ich von der Revolution im Jahre 1848. Es amtierten zu dieser Zeit in Elterlein Pastor Hecker aus Grünhain und Bürgermeister Ullmann, ein Elterleiner, welcher das Haus auf der hinteren Gasse, was heute Herr Hackebeil hat, besaß. Dieses Gebäude ist aber schon einmal abgebrannt. Dort im Hammergrund, wo heute Epperleins Papierfabrik und Trockenhaus steht, war eine Nagelfabrik, in deren Räumen einige Maschinen zur Anfertigung von Nägeln aufgestellt gewesen sind. Diese Fabrik, welche erst einige Jahre alt war, wurde am 29. März 1848 von den Elterleiner, Scheibenberger und Mittweidaer Nagelschmieden eingerissen. Da den Nagelschmieden diese maschinenmäßige Herstellung der Nägel eine Konkurrenz war, befürchteten sie nun, im Nagelschmiedehandwerk ihr Brot nicht mehr verdienen zu können und scharten sich deshalb zusammen. Der Anführer war ein Scheibenberger Lehrling. An genanntem Tage vormittags zogen diese um ihre Existenz kämpfenden Schmiede vor die Nagelfabrik, der Anführer schlug den Türendrücker weg und dann stürmten sie das Gebäude. Die Maschinen und Nägel wurden in den vorbeifließenden Bach und in den Teich geworfen. Die Maschinenteile schlug man in viele Stücke. Nachmittags selbigen Tages sind diese Störenfriede durch Schwarzbach und Mittweida i. Erzgeb. gezogen, wo auch eine Nagelschmiede zerstört worden ist. Auch hatten sie die Absicht, die in Scheibenberg stehende (am Berge, wo die vormalige Ottofabrik steht) Nagelfabrik noch einzuhämmern, kamen jedoch nicht dazu. In der folgenden Nacht hatten diese wütenden Gesellen sich in allen möglichen Winkeln und Erdhöhlungen verborgen, da sie schon befürchteten, daß ihnen zu Leibe gegangen wird. Den nächsten Tag rief die Stadtbehörde Militär zu Hilfe, worauf in kurzer Zeit die Freiberger Reiter schnell herbeigeeilt kamen und noch vormittags die sämtlichen Nagelschmiede aus der ganzen Umgegend aus ihrem Versteck holten, sammelten und dann gebunden auf Leiterwagen schichteten. Nachmittags erfolgte der Abtransport der vollbeladenen Wagen nach dem Gerichts-Amte zu Grünhain. Dort erfolgte die Aburteilung, wobei alle beteiligten Nagelschmiede mit Zuchthausstrafen bis zu 12 Jahren (auch der Scheibenberger Lehrling mit 12 Jahren) bedacht worden sind. Diese Zeit mußten die Nagelschmiede in Waldheim verbringen, wo auch mancher gestorben ist.

Ich habe vom 5. Jahre ab bis zum 86. Jahre geklöppelt und mir meinen Lebensunterhalt zum größten Teil selbst verdienen müssen, zumal mein Mann, nachdem wir 4 Jahre verheiratet waren, mutwillig mich mit 4 Kindern verlassen hat. Vor 3 Jahren habe ich plötzlich ohnen jeden Unfall mein Augenlicht verloren. Ich kann also das Tageslicht nicht mehr sehen und muß mich nur auf meine Angehörigen verlassen, die mich sorgsam pflegen."


Nr. 11 - Sonntag, den 13. März 1927
Druck und Verlag von Friedrich Seidel, Buchholz i. Sa., Karlsbader Straße 21 - Fernruf 242 und 249


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